[Rezension] Mister Aufziehvogel | Haruki Murakami

Montag, 11. Juni 2018


Seiten: 765
Verlag: btb
Ersterscheinung: 1998
ISBN: 9783442726684
Format: Taschenbuch
Preis: [A] 14,40 €  |  [D] 14,00 €
Originaltitel: Nejimaki-dori Kuronikuru
Genre: Roman; Spirituelles; Fantasievolles,

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Mein Lesezeitraum: 16. Apr. - 3. Juni 2018  (= 39 Tage)




Darum Geht's
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Toru Okadas Spitzname ist »Mister Aufziehvogel«, denn er kommt sich vor wie ein Spielzeugvogel, der von wer weiß wem aufgezogen wurde. Der verträumte Mann von 30 Jahren gibt seine Anstellung bei einer großen Tokioter Anwaltskanzlei auf, um sich in Ruhe über einen Neuanfang klar zu werden. Nach seinem Ausstieg aus der Alltagswelt tun sich ihm plötzlich Wirklichkeiten auf, von denen er bisher nichts ahnte – erotische, ökonomische und politische. Er begegnet einer kessen, intelligenten Sechzehnjährigen, einer geheimnisvollen Wahrsagerin und deren Schwester und einem alten Offizier; und alle schleppen sie ihre seltsamen Geschichten in Torus stilles Haus, Geschichten, die sich als insgeheim miteinander verbunden erweisen. Selbst über die eigene Ehe und seine scheinbar so treue Frau drängen sich dem Helden daraufhin schwindelerregende Vermutungen auf. Und er erkennt, dass unterhalb des Alltagslebens der Großstadtgesellschaft andere, geheime Kräfte wirken: abgründige Begierden, die Historie mit ihren militärischen Untaten aus dem japanisch-chinesischen Krieg und vielleicht sogar so etwas Altmodisches wie das Schicksal.


Der Erste Satz
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Als das Telefon klingelte, war ich in der Küche, wo ich einen Topf Spaghetti kochte und zu einer UKW-Übertragung der Ouvertüre von Rossinis Die diebische Elster pfiff, was die ideale Musik zum Pastakochen sein dürfte.


Meine  Meinung
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Schräge Figuren in einer symbolträchtigen Geschichte

Mister Aufziehvogel habe ich mit einer Bloggerkollegin in einer Leserunde gemeinsam gelesen. Für mich war es das erste (und bestimmt nicht das letzte!!) Buch von Haruki Muramaki. Schon während des Lesens habe ich mir zwei weitere Bücher des Autors zugelegt.

Ich bin gut im Buch gelandet. Unser Protagonist Toru ist ein Mann, der seinen Job in einer Anwaltskanzlei aufgibt, um einen Neuanfang zu starten und da ich mir persönlich nichts Langweiligeres vorstellen kann, als in einer Anwaltskanzlei zu arbeiten, habe ich mich schnell mit Toru angefreundet. Bei ihm merkt man allerdings schnell, dass er ein relativ passiver Mensch ist, der Vieles einfach hinnimmt, ohne zu hinterfragen. Diese Tatsache hat mich manchmal überrascht und verwirrt. Nichtsdestotrotz ist Toru mir bis zum Ende sympathisch geblieben, vor allem auch, weil er ein sehr gütiger Mensch ist, der die Fähigkeit zu verzeihen besitzt.

Die Handlung ist am Anfang zwar wenig spektakulär, dennoch konnte sie mich fesseln. Schon zu Beginn passieren nämlich richtig schräge Dinge, die mich neugierig auf den weiteren Verlauf gemacht haben. Diese Eigenartigkeiten nehmen aber kein Ende, nein. Ganz im Gegenteil: ein Fragezeichen nach dem anderen tut sich auf. Sogar so viele, dass es mir bis zu einem gewissen Punkt zu viel wurde und ich nur mehr verständnislos vor mich hin gelesen habe. Irgendwann fragt man sich dann auch: Was ist Wirklichkeit? Was ist Fantasie? Sind einige Geschehnisse übersinnlicher Natur oder ist doch alles nur Traum? Wie darf man das Ganze verstehen?

Die Mehrzahl der Leute verwirft alles, was die Grenzen des eigenen Fassungsvermögens sprengt, als absurd und des Nachdenkens nicht wert.
(S. 267)

Livia (meine Mitleserin) und ich haben gerätselt und spekuliert, aber so recht haben wir die Handlung nicht durchschaut, hatte ich das Gefühl. Erst zum Ende hin überkamen mich einige Aha-Momente, und dann wurde mir auch so einiges klar. Aber ob die Erkenntnisse, die ich in meinen Aha-Momenten hatte, tatsächlich das sind, was Murakami uns zu verstehen geben wollte, dessen bin ich mir aber leider auch nicht ganz sicher. Ich denke jedenfalls, dass ich die Story zum Schluss im Großen und Ganzen verstanden habe. Allerdings kann mir diese Frage wahrscheinlich trotzdem nur der Autor sicher beantworten.

Die Figuren in Mister Aufziehvogel sind allesamt mit Ecken und Kanten versehen. So haben wir zum Beispiel die Schwestern Malta und Kreta Kano. Die eine hat eine Vorliebe für rote Vinylhüte und versucht anderen Menschen durch ihre hellseherischen Fähigkeiten zu helfen. Die andere ist ihre Assistentin und hat die merkwürdige Angewohnheit unbemerkt aufzutauchen und zu verschwinden, nachdem oder bevor sie aus ihrem mehr als verkorksten Leben berichtet. Dann gibt es da noch Torus Frau Kumiko, die irgendwie bis zum Schluss eine der undurchsichtigsten Charktere bleibt, nicht zuletzt, weil sie sich recht bald schon aus Torus Leben vertschüsst und sehr lange ein großes Geheimnis um ihre wahren Gründe dafür macht. Außerdem spielt auch Kumikos höchst unsympathischer Bruder Noboru Wataya eine tragende Rolle in der Geschichte. Er taucht zwar nicht oft persönlich während der Handlung auf, aber dennoch ist von ihm und seinem abartigen und unerträglichen Wesen häufig die Rede. Und nicht zu vergessen: ein Kater, der verschwindet und mit einem anders geformten Schweif wieder auftaucht.
Ihr merkt, von den Figuren her kommt hier ganz sicher keine Langeweile auf. Diese und einige andere Nebencharaktere bieten auf alle Fälle Unterhaltung der besonderen Art. ;)

In wirklich tiefer Finsternis waren die seltsamsten Dinge möglich.
(S. 297)

Aufgepeppt wurde das Ganze noch durch Erzählungen aus der Vergangenheit verschiedener Bekanntschaften Torus. Beispielsweise gab es lange Episoden über den Krieg, in denen die eine oder andere blutige und gewaltvolle Szene beschrieben wurde. Oder es wurde die damalige politische Situation erläutert – die ich allerdings wenig spannend fand und bei der ich dabei deswegen nicht so aufmerksam gelesen habe. Toru als guter Zuhörer hat sich das alles natürlich geduldig angehört und darüber nachgedacht. Da doch einige dieser Erzählungen in dem Buch vorgekommen sind, habe ich mich selbstverständlich gefragt, inwiefern diese mit der gegenwärtigen Handlung zu tun haben könnten. Leider hat sich mir bis zuletzt deren Bedeutsamkeit leider nicht (bei allen Rückblicken) erschlossen.

Allgemein betrachtet, hat mir das Buch sehr gut gefallen. Ja, ein paar Fragen blieben zwar offen, aber es gab auch genug, die mir schlussendlich beantwortet wurden und mich das Buch relativ zufrieden haben zuklappen lassen. Mein Freund sagt immer wieder, dass er offene Enden mag, da diese so viel Spielraum für eigene Gedanken lassen. Ich mag das allerdings nicht so gerne, da ich fixe Tatsachen – völlig egal, ob sie nun gut oder schlecht sind – sehr schätze.


Persönliche Bewertung
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Weitere Buchzitate
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~ Die Zeit entzieht in der Regel den meisten Dingen ihr Gift und macht sie harmlos. ~
(S. 103)

~ Es ist unmöglich, sich einen Begriff von echtem Schmerz zu machen, solange man ihn nicht selbst erlebt hat. ~
(S. 121) 

~ Am besten über die Wirklichkeit nachdenken, hatte ich mir überlegt, ließe sich, wenn man 
sich so weit wie möglich von ihr zurückzog - an einen Ort wie den Grund eines Brunnens etwa. 
»Wenn du absteigen sollst, such dir den tiefsten Brunnen und geh hinunter auf den Grund.« ~  
(S. 297)




Der Autor
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© Stefan Worring

Haruki Murakami, 1949 in Kioto geboren, lebte längere Zeit in den USA und Europa und ist gefeierter und mit den höchsten japanischen Literaturpreisen ausgezeichneter Autor zahlreicher Romane und Erzählungsbände. Außerdem hat er Werke von John Irving, Truman Capote und Raymond Chandler ins Japanische übersetzt.


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-) Awogfli - Bookcroc (3 ***)





(Ein paar) weitere Bücher des Autors
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Kommentare:

  1. Liebe Janine,
    eine schöne Beschprechung hast du geschrieben. Allerdings fand ich das Buch richtig heftig. Viele seiner Bücher sind echt heftig, dass ich mittleriweile zu jedem MurakamileserIn sagen muss, es erfordert MUt, seine Bücher zu lesen. Sie sind lesenswert, aber man darf nicht zu zartbesaitet sein. Neben "Mister Aufziehvogel" war "Kafka am Strand" der absolute Höhepunkt. Nichts für schwache Nerven. Ich habe demnaächst vor, den neusten Murakami zu lesen. "Die Ermordung des Commendatore".
    Alles Liebe, Mira

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    1. Danke dir, liebe Mirella!
      Du hast recht: einige Szenen sind tatsächlich sehr grausam und voller Gewalt ... Zart Besaitete sollten den Roman vielleicht nicht unbedingt lesen.
      "Kafka am Strand" ist auch kürzlich bei mir eingezogen und werde ich hoffentlich ebenfalls mit Livia gemeinsam lesen. Ich freue mich schon sehr drauf, wenn du schreibst, dass es ein Highlight für dich war. :) Aber wahrscheinlich meintest du eher ein Höhepunkt, was die gewaltvollen Szenen betrifft?
      Viel Freude mit deinem nächsten Murakami!

      Alles Liebe,
      Janine

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  2. Liebe Janine

    Ich kann mich Mira wirklich nur anschliessen, die Rezension ist dir sehr gut gelungen.

    Wenn auch ich schon Bücher gelesen habe, die wesentlich stärkere Nerven erfordert haben. Aber einen Murakami (vor allem von diesem Umfang, kürzere Bücher sind ja oft ein wenig kompakter), kann man wohl nicht einfach inhalieren. Ich brauche für ein solche Buch Zeit und Raum zum Nachdenken. Das muss man sich wohl als Leser bewusst sein.

    Hach...auf "Kafka am Strand" freue ich mich schon so sehr :-)

    Alles Liebe dir
    Livia

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    1. Danke Livia! Diese Worte aus deinem Mund bedeuten mir sehr viel. :)
      Ich kann mich gerade an kein Buch erinnern, welches derart gewaltvolle Szenen beschrieben hätte. Aber um ehrlich zu sein, hat es mir nichts ausgemacht, das zu lesen. Ja, ein paar Mal musste ich schon schlucken, aber manchmal bin ich einfach hart im Nehmen/robust. ;)
      Ich finde auch, dass es gut war, dass wir relativ lang dran gelesen haben, so blieb genug Raum für Gedanken und fürs Sackenlassen.
      Ich freue mich auch sehr auf "Kafka am Strand".

      Alles Liebe dir ♥,
      Janine

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